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Über das Kürzen

Katharina ~ #19

Es gibt ja manchmal Kommentare zu DSA-Publikationen, da weiß man nicht mehr, ob man eher lachen oder weinen soll. Besonders eindrücklich waren in dieser Hinsicht mehrere Bemerkungen zur Zwergenspielhilfe Angroschs Kinder, die im wesentlichen darauf hinausliefen, dass der Band deshalb so kurz sei (145 Seiten im Vergleich zu um die 200 der anderen Regionalspielhilfen), weil die AutorInnen zum Großteil eh nur die alten Texte übernommen hätten und ihnen ansonsten nichts Neues eingefallen sei. Und die vier Archetypen am Ende wären als ‘Seitenfüller’ ja wirklich deutlich erkennbar.

Ich enthalte mich an dieser Stelle eines Kommentares zur Meckerkultur der DSA-Spielerschaft oder zu vorschnellen Urteilen bei mangelnder Gründlichkeit der Lektüre und mache die geneigte Leserschaft stattdessen auf ein Phänomen aufmerksam, dem leidgeprüfte JungautorInnen oftmals völlig unvorbereitet gegenüberstehen: das Kürzen.

Ich weiß nicht, wie das früher war, aber heutzutage gibt es für jede Publikation beziehungsweise für jeden Einzeltext eine feste Zeichenvorgabe. Das sind bei einem 48-Seiten-Abenteuer zum Beispiel 275.000 Zeichen (immer gerechnet inklusive Leerzeichen), für ein Anthologieabenteuer wie in Verwunschen & Verzaubert 90.000. Für die Regionalspielhilfen wird anfangs in einer Vergabeliste festgelegt, wie viele Zeichen welcher Abschnitt haben darf. Das sind für einen Text wie Zwerge sind keine kleinen Menschen in Angroschs Kinder beispielsweise 18.900 Zeichen. Mit einer Toleranz von 200 Zeichen, also gerade mal zwei Zeilen im Textverarbeitungsprogamm.

Um es kurz zu machen: Texte sind immer zu lang. Und fast immer steht man zunächst vor dem zu langen Text und denkt sich: “Was soll ich denn da noch kürzen? Ich muss die Redakteurin anrufen und sagen, dass der Text einfach nicht kürzer geht.” Natürlich ist das Unsinn. Aber das Kürzen muss man genauso mühsam lernen wie das Strukturieren und Formulieren eines Textes – im besten Falle dient dazu ein Journalistik-Studium, bei DSA-AutorInnen hilft meist nur die learning by doing-Methode.

Zunächst kann man jeden Text durch Umformulieren oder Umstellen kürzen, ohne dass Inhalt verloren geht. Dann gilt es, Redundanzen aufzuspüren, also Sätze, die zwar unterschiedlich klingen, bei genauerer Betrachtung aber im Prinzip das gleiche sagen. Auch in Aufzählungen oder bei Attributen findet man häufig solche Redundanzen. Nicht unerwähnt bleiben soll, dass das Kürzen bis zu einem gewissen Maß Texte auch immer besser macht, weil man gezwungen ist, Formulierungen nochmal darauf zu prüfen, ob sie wirklich prägnant sind oder aber Schwafeleien enthalten.

Wenn man – nach viel Übung – diese Techniken des sogenannten ‘Mikrokürzens’ leidlich beherrscht, ist der Text danach zwar kürzer, aber immer noch zu lang. Und dann hilft alles nichts und man muss das Messer an die Inhalte anlegen. Oh ja, das tut weh. Manchmal sitzt man eine halbe Stunde vor einem Satz, streicht ihn weg, nimmt ihn doch wieder rein, streicht ihn wieder und markiert ihn am Ende als ‘Kürzungspotential’ um sich ihm zu späterer Stunde erneut zu widmen.

Fast alle Texte, die die Leserschaft in der fertigen Publikationen findet, waren in einer früheren Version reicher an Details, Beispielen, Erklärungen, Beschreibungen und nicht selten auch Zitaten. Damit steckt in jedem Text mehr an Ideen als er später in der Druckfassung tatsächlich erkennen lässt, denn viele dieser Ideen sind zwangsläufig irgendwann dem Kürzen zum Opfer gefallen. Das Kürzen besitzt damit einen gewissen tragischen Charakter, denn in diesen Ideen steckt zuweilen auch eine Menge Herzblut.

Und was Angroschs Kinder angeht, so wäre das Buch locker um 20 Seiten länger, wenn die AutorInnen ihre Texte nach der ersten fertigen Fassung nicht noch dem leidigen Kürzungsprozess unterzogen hätten – der aber eben notwendig ist, da solch ein Buch immer für eine bestimmte Maximalseitenzahl kalkuliert worden ist.


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Kommentare

11 Beiträge. Aktuellster Beitrag ↓

JackStone

01.11.2005, 22:41 Uhr ~ #1

Warum gibt es diese Zeichenvorgabe eigentlich?


Windfeder

01.11.2005, 22:59 Uhr ~ #2

@ JackStone: Was genau meinst du mit deiner Frage?

Da erstens niemand eine 500-Seiten-Spielhilfe für 120 Euro kauft, und da zweitens kaum jemand in der Lage ist, so eine Spielhilfe in vertretbarer Zeit zu schreiben, ergeben sich Umfangsbeschränkungen ziemlich von selbst.

LG, Tyll


Rastlin

01.11.2005, 23:01 Uhr ~ #3

@JackStone

Wahrscheinlich wegen den Seitenvorgaben. Und diese Seitenvorgaben gibt es wegen der Kostenkalkulation. Man hat ja ein bestimmtes Ziel für die Kosten, den Umfang und den Endpreis eines Produktes vor Augen. Also muss man sich Richtlinien erstellen um diese Ziele zu erreichen. So erkläre ich es mir zumindest. :)


Rastlin

01.11.2005, 23:02 Uhr ~ #4

Hehe, da war ich wohl zu langsam :)


Shahanja

02.11.2005, 16:50 Uhr ~ #5

Was auch irritierend ist: Wenn sich Leute über das angebliche Wiederverwerten der Inhalte alter Spielhilfen beschweren und dabei nicht bedenken, dass das so sein MUSS. Alleine aus Gründen der Kontinuität kann man die Zwerge, Novadis, etc. nicht neu erfinden. Und jeder, der sich mit Aventurien auskennt, wird (und es ist gut so) vieles wieder erkennen. Umso schöner ist es auch bei den guten alten Zwergen frische, neue Ideen zu finden. Übrigens, das interessanteste Geflüster der letzten Wochen ;-)

mfg

Shahanja


Krisse

02.11.2005, 16:52 Uhr ~ #6

Das Problem ist mir auch seit einiger Zeit bekannt, da wir uns eine Weile mit Zeitungsmeldungen beschäftigt haben und dabei selbst Artikel dieser Praxis unterzogen.

Die Kritik allerdings, dass AG nur alte Artikel aufweise kann ich nicht verstehen. Dass das Buch dünner ist als die anderen Regionalspielhilfen ist mir auch aufgefallen, aber das Leben, die Geschichte und Errungenschaften der Zwerge sind eben irgendwann auch erzählt. Die Kürzung ist mMn mit dem Sinn der genaueren Untersuchung und verbesserung der Texte ok.

Die Autoren haben mMn auch bei Angroschs Kinder ganze Arbeit geleistet.

MfG Krisse – vielleicht mit einem recht affirmativen Verhalten den neuen DSA-Publikationen gegenüber, aber sie sind einfach toll.


Kharmal

03.11.2005, 08:32 Uhr ~ #7

Du sprichst mir aus der Seele... Bei einer Vorgabe von 60.000 Zeichen waren 98.000 beim ersten Entwurf doch einfach etwas viel :) Ich höre schon die Klagelieder, dass der Text viel zu “offen” für ein geschriebenes Abenteuer ist. Aber man sage mir: Woher den Platz nehmen, wenn nicht stehlen?


Krassling

03.11.2005, 09:59 Uhr ~ #8

Im Grunde genommen ist es natürlich unvermeidlich Beschränkungen zu setzen. Bei Angroschs Kinder hatte ich auch nicht den Eindruck, dass hier wirklich notwendiges rausgestrichen wurde. Sehr ärgerlich kann das ganze allerdings bei Abenteuern werden. Wenn sich zeigt, dass bestimmte Szenen sich dem Meister nicht richtig erschließen, oder man hier und da denkt: “Da wäre jetzt noch eine Szene/ Hintergrundinformation/ etc. mehr hilfreich gewesen”, dann ist das eine sehr lästige Qualitätseinbuße.

Ich persönlich finde das immer schade und wäre auch bereit zwei Euro mehr auszugeben, wenn das Abenteuer den Mehrumfang rechtfertigt. Vermutlich ist es allerdings sehr schwierig hier einen funktionierenden Modus Operandi zu finden. Also wird es wohl auch weiterhin Kritik hageln. Nicht nur solche hanebüchene, wie die zu Angroschs Kinder, meine ich.


Elwin

03.11.2005, 12:05 Uhr ~ #9

Das Problem mit den Preiserhöhungen sind die Händler und die Kataloge. Die sind nämlich nicht sehr erfreut, wenn die Ware plötzlich teurer wird.

Ansonsten kann ich nur zustimmen: Jede Publikation ist in der ersten Fassung IMMER zu lang. Auch Land der Ersten Sonne musste um insgesamt 10% gekürzt werden, um auf die vereinbarte Zeichenzahl zu kommen.

Dabei fällt natürlich auch einiges an Inhalt raus (wobei wir ein paar Sachen dann gleich in der Anthologie Basargeschichten verarbeiten konnten).

Letzendlich finde ich aber das Kürzen unheimlich wichtig. Denn erst dort muss man entscheiden, was wirklich wichtig ist. Somit kann manch ein überfrachteter Text auf das Wesentliche zusammengestrichen werden. Das hilft auch den Spielern, die nämlich sonst vor lauter Text den Überblick über den Inhalt verlieren würden.

Chris


Einer

03.11.2005, 13:56 Uhr ~ #10

Mir gefiel Angroschs Kinder äußerst gut. Das mag u.a. auch daran liegen, dass mir das Thema sehr zusagt. DIe Seitenanzahl war zwar ein gutes Stück geringer als in sonstigen RSHs, nach den 150 gelesenen Seiten hätte ich jedoch schwören können, lediglich 100 gelesen zu haben. Das zeigt, wie kurzweilig und spannend das Ganze geschrieben war.

Beim angesprochene Punkt mit den Archetypen, stimme ich mit den Kritikern aber überin: Diesen Platz hätte man besser nutzen können, gerade, wenn schon ein gutes Stück Text an anderer Stelle von den Autoren gekürzt werden musste.


Zordan von Bethanstrand

03.11.2005, 23:50 Uhr ~ #11

Generell muss man auch sagen, dass ein gekürzter Text wesentlich prägnanter wird. Es mag toll sein, wenn man ein 500 Seiten Buch zu seinem Lieblingsthema hat, aber ob das alle Leser so mögen, sei einmal dahin gestellt.

Zu den Archetypen: Wir haben uns ganz bewusst für die Archetypen entschieden – und zwar nicht, um Platz zu füllen. Ganz im Gegenteil. Wir wollten mit der Spielhilfe Lust auf Zwerge machen – und wenn jemand dann losspielen möchte, hat er gleich vier Archetypen zur Auswahl. Zudem sollte man die Archetypen nicht als reinen Zusatz ansehen. Mit ihnen wird ja auch Inhalt transportiert. Wie denkt denn nun konkret ein Bastler oder Zwergenmystiker? Wie fühlt sich eine Schachtfegerin unter lauter männlichen Zwergen? All das lässt sich mit Archetypen exemplarisch aufzeigen. Deswegen bin ich auch trotz aller Kritik nach wie vor der Meinung, dass es gut war, die Archetypen in die Spielhilfe zu bringen.

Viele Grüße

Sebastian


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