Archiv-Eintrag
Schwarze Splitter II – Ascheherz
Tyll ~ #89
Den folgenden kurzen Stimmungstext wollte ich zur Vorbereitung der Schattenlande-RSH verwerten, hab ihn dann aber aus den Augen verloren und erst kürzlich wieder auf meiner Festplatte entdeckt. Nichts Großes, nur ein kleines rußiges Schlaglicht aus Yol-Ghurmak ... ;)
“Oh, Feuriger Vater, deine Glut versengt meinen Leib, dein Sturm verweht meinen Geist, deine Wurzeln verzehren meine Seele, deine Berge ver..., zer..., hmpf.”
Meister Jormund seufzte und warf das gräuliche Stück Papier in den Kandelaber, der es gierig und knisternd fraß. Mit der Predigt wurde das heute nichts mehr, er war zu nervös. Großmeisterin Garla Gengris hatte ihren Besuch angekündigt und würde jeden Moment eintreffen.
Jormund ging ein paar Mal in seiner kleinen Tempelhalle auf und ab, prüfte in einem der rotgoldenen Wandspiegel, die das Glosen der rituellen Kohlenpfannen eindrucksvoll verstärkten, ob sein mehrlagiges Priestergewand in Schwarz und Rot richtig saß. ‘Bosparanischer Tempelstil’ hatte der frühere Dämonenkaiser das genannt, aber Jormund war sich sicher, dass Galotta seine Priester nur piesacken wollte, mit so einem schweren und aufwendigen Ornat. Dabei fiel Jormund ein alter Witz ein, der sich darum drehte, wie Galotta das Schnittmuster eigenhändig mit dem Splitter des Herrn zurechtfetzte ...
Sein Schmunzeln wich leichter Panik, als der Tempel-Agribaal die kleine Torglocke anschlug, um Besucher anzukündigen. Jormunds “Kapelle der Sturmbeter” in einem der höchsten Türme des großen “Tempels der Werke” von Yol-Ghurmak wurde nur von wenigen Gläubigen je besucht, die meisten scheuten den langen Weg hinauf und fürchteten die schwindelerregende Höhe des Gebetsbalkons. Abgesehen davon, dass die rußige Dunstglocke über Yol-Ghurmak auch nicht sonderlich zur Verehrung des Feurigen Vaters einlud. Jormund genoss die Einsamkeit hier oben. Doch die Großmeisterin der Kirche wollte seiner Kapelle nun selbst eine Visite abstatten, um mit eigenen Augen zu sehen, wovon er ihr bereits Bericht erstattet hatte.
Garla Gengris wurde in einer Sänfte von vier Dienern getragen, die sie keuchend und mit hochroten Köpfen vor Jormund absetzten. Die feiste Großmeisterin schickte die armen Kerle mit einem Wink ihrer Hand fort. Jormund zugewandt zuckte sie die Achseln und gluckste belustigt. “Tutut, vierzehn Stockwerke habe ich heute gezählt, aber was soll man machen? Mein Dharai hat sich schon wieder selbständig gemacht. Wann werden die Lehrlinge bloß lernen, den Dienern des Herrn wirklich präzise Befehlen zu geben? Hihi.”
Jormund lächelte gequält, dann sank er auf ein Knie und küsste den schweren Siegelring an der rechten Hand der Großmeisterin. Ihre kleinen Finger dufteten gut und waren fein für eine Frau von solcher Leibesfülle. “Ich grüße Euch, Großmeisterin Gengris, im Namen des Feurigen Vaters, möge der mächtige Amrifas Euch ...” stammelte Jormund und wurde sanft, aber bestimmt unterbrochen: “Papperlapp Amrifas, Meister Jormund, der Gute soll sich zurückhalten, sonst müssen wir wieder neues Porzellan in Auftrag geben.” Jormund war sich nicht sicher, ob das ein Scherz sein sollte, aber die Großmeisterin war eine Frau, die oft scherzte, deshalb grinste er etwas schief und erhob sich, während Garla Gengris schon mit rauschenden Gewändern an ihm vorbeischritt und mit Interesse seine Kapelle inspizierte. “Dann zeigt mir mal, was Ihr beobachtet habt.”
Froh, nicht in ein weiteres Gespräch verwickelt zu werden, führte Meister Jormund die Großmeisterin auf den Gebetsbalkon und deutete in die Tiefe. Rußige Windböen und wehende Dampffahnen aus den Schloten der Dämonenschmiede trübten die Sicht, aber auf der Spitze eines hohen Zierturms über dem Kreuzrippengewölbe des Tempels konnte man ein großes Nest sehen. Ein Nest aus verbogenen Metallstreben und verknäultem Draht, ausgekleidet mit Fetzen besudelten Stoffes und schmieriger Schlacke. Im blutroten Licht der untergehenden Sonne funkelte der eine oder andere goldene Gegenstand. “Gleich wird er kommen,” murmelte Jormund und die Großmeisterin lächelte jetzt nicht mehr, sondern blickte grimmig drein.
Nach kurzer Zeit löste sich ein geflügelter Schatten aus dem Dunst und Rauch der Stadt. Ein schriller Schrei ertönte und wurde vielfach von den Wänden des gewaltigen Tempels der Werke zurückgeworfen. Dann schlug der große Asqarath klirrend mit den zerfetzten Flügeln und landete in seinem Nest. Die Großmeisterin nickte. “Das ist er, kein Zweifel. Ascheherz. Wir hatten angenommen, er sei mit dem Dämonenkaiser untergegangen, aber nun ist er wohl zurückgekehrt. Ich danke Euch, Meister Jormund, Ihr habt uns treue Dienste geleistet. Wir werden zunächst sehen, wie der Rat auf die Neuigkeit reagiert, aber ich hoffe, dass wir dieses Problem bald aus der Welt schaffen können ... Bevor das Mistvieh wieder anfängt, zum Volk zu predigen.” Jormund erinnerte sich daran, wie er als junger Lehrling auf dem Platz des Zorns einer Predigt des mächtigen Nachtgreifen beigewohnt hatte — damals war das obligatorisch für Kirchendiener. Sie hatte ihn mit einem bohrenden Schmerz in der Brust erfüllt, als ob ein Glosen von Wut und gerechter Empörung an ihm zehrte. An diesem Tag bekamen die Lehrlinge die schwersten und niedersten Aufgaben im Tempeldienst zugewiesen, als ob die Meister sie für etwas bestrafen wollten. In der Erinnerung an das stumme Gefühl der Erniedrigung und Ungerechtigkeit schüttelte sich Jormund ein wenig. Nein, die Rückkehr Ascheherz’ gefiel auch ihm keineswegs und er hoffte, dass der Gildenrat von Yol-Ghurmak die Zauberer der Heptagonakademie damit beauftragen würde, den Dämon zu exorzieren oder zu vernichten.
Die Großmeisterin fröstelte leicht im kalten Wind und zog die Schultern hoch, so dass der Schmuck um ihren feisten Hals klirrte — auch sie musste ungute Erinnerungen an Ascheherz oder andere Diener des Sehenden Sohnes haben, wer hatte das nicht? Im Zwielicht und von der Seite sah Meister Jormund die Hohepriesterin der Agrimoth-Kirche erstmals als eine Frau, als einen Menschen, nicht mehr so sehr als hohe Würdenträgerin. Sie war in ihrer Rundlichkeit attraktiv, auf eine warme, weiche Art und Weise, strahlte Ruhe und Fürsorge aus. Charismatisch war sie ohne Zweifel, eine gute Rednerin mit viel Charme und Witz. Als Großmeisterin war sie aber auch einschüchternd und konnte eine überlebensgroße Aura annehmen. Die runden, blutroten Kristalle auf ihrem kahlen Schädel, ein allgemein nur selten zu sehendes Weihezeichen, konnten wie eine Krone wirken. Jormund fragte sich trotzdem, wie Garla Gengris zwischen all den Zauberern, Ränkeschmieden und Blutrichtern, die damals den Hof des Dämonenkaisers geprägt hatten, zur Hohepriesterin aufsteigen konnte. Und die Kirche nach Galottas Fall innerhalb kürzester Zeit zur wichtigsten Macht der Stadt zu machen, unangefochten von den Resten der Blakharaz-Kirche, die heute — dem Feurigen Vater sei Dank, dachte Jormund — nur noch wenige vereinzelte Priester und keinerlei Einfluss hatte.
Garla unterbrach seine Gedanken. Die Sorge auf ihrem Gesicht war wieder dem schalkhaften Lächeln gewichen und sie schob Jormund am Ellenbogen in die warme Kapelle zurück. “Nun, lieber Jormund, ich erwarte noch Magister Sheranbil von den Hofzauberern zu einer Audienz, den will ich nicht warten lassen. Zögert nicht, mich zu benachrichtigen, falls der Irrhalk sich auffällig rührt. Ach, kennt Ihr übrigens den: 'Der Dämonenkaiser geht am Yslisee spazieren, da sieht er einen Haufen von Irrhalken, die sich einer nach dem anderen von einer Klippe in den See stürzen, wo sie in einer Dampfwolke verlöschen und nicht mehr auftauchen. Entsetzt läuft er hin und ruft ‘Was macht ihr denn da, seid ihr verrückt? Ich brauche euch noch!’ Antwortet einer: ‘Aber Hoheit, wir befolgen Euer neuestes Dekret, nachdem sich alle Diener des Herrn der Lohe von den Sünden der Welt reinwaschen sollen.’' Hihi, den habe ich gerade von einem Lehrling gehört, ganz ulkig, hm?”
Jormund seufzte innerlich, schmunzelte aber pflichtbewusst und begleitete die Hohepriesterin zu ihrer Sänfte, die mittlerweile wieder auf dem Rücken eines Dharai thronte, um sie vierzehn Stockwerke hinunter zu tragen.
Kommentare
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Glühwürmchen
06.05.2011, 17:29 Uhr ~ #1
Ein wirklich schöner Text :-)
Und den Witz mit den Irrhalken fand ich echt nicht übel *schumzel*
liebe Grüße
Würmchen
Demodar
13.05.2011, 09:55 Uhr ~ #2
Cooler Text, gerne mehr davon. Ich führe meine Helden gerade in die Stadt.
Epenschmied
15.05.2011, 21:48 Uhr ~ #3
:-) Der Eremit von Yol-Ghurmak – erinnert mich irgendwie aus den Einsamen Wächter-Mönch auf dem Dach der Welt aus dem 2012-Trailer von Roland Emmerich. Schöner Text!
Windfeder
16.05.2011, 09:17 Uhr ~ #4
Danke für die Rückmeldungen!
@ Demodar: Wenn du Lust hast, ein paar Erfahrungsberichte von eurem Spiel in Yol-Ghurmak zu geben, würde ich mich freuen! :)
Lieber Gruß, Tyll
Othello
27.08.2011, 11:06 Uhr ~ #5
Sehr nett. :) Hat mich gut unterhalten und ich muss sagen, dass alles, was mit den Schwarzen Landen zu tun hat, mich immer wieder fasziniert. Weiter so!
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